
Mitten im Zentrum unter dem Prachtboulevard gelegen, bleibt dem Promenierenden der Lindentunnel dennoch verborgen – es sei denn, er nimmt die leisen Hinweise auf dessen Existenz wahr: Roste auf dem Mittelstreifen der Linden, Falltüren auf dem Gehweg. Zwischen Maxim-Gorki-Theater, Humboldt-Universität und Neuer Wache führt ein Einstieg in diesen unterirdischen Ort hinab.
STADTFORSCHER betraten hier am 24. August 2006 die Hinterbühne der Stadt. In Kooperation mit dem Maxim-Gorki-Theater, das den Nordteil des Lindentunnels heute als Kulissenlager nutzt, öffneten wir für einen Abend den sonst nicht zugänglichen Tunnel. Unsere Veranstaltung stieß auf großes Publikumsinteresse – über 40 Personen meldeten sich dazu an und wollten mit uns die Welt unter den Linden erkunden.
Der Lindentunnel entstand aus dem Verlangen heraus, einen besonderen Anschein zu wahren – die Aura einer Straße, des Boulevards Unter den Linden, in dem der monarchische, kaiserliche Glanz seinen Ausdruck fand. Im Zeitalter des technischen Fortschritts sollte das Bild des Boulevards zeitlos schön bleiben, d.h. preußisch-schön, und nicht durch die oberirdische Elektrik moderner Verkehrsmittel „verschandelt“ werden. Mit den Worten „Drunter durch, nicht drüber weg“ beendete der Kasier eine Debatte um die Nord-Süd-Passierbarkeit der Linden und stimmte dem Tunnelbau für die Straßenbahn zu, der 1914-16 erfolgte. 1923 wurde der Tunnel geschlossen und 1926 die westliche Rampe verfüllt, um den Bebelplatz einheitlich zu gestalten.
Der Lindentunnel ist der einzig in Berlin erhaltene Straßenbahntunnel, denn der 1899 erbaute Stralauer Tunnel, der Stralau unter der Spree hindurch mit Treptow verband, ist 1959 stillgelegt worden und dann geflutet. Der Stralauer Tunnel war eingleisig und bestand aus einem Tunnelstück - im Gegensatz zum Lindentunnel, der sich in einen Ost- und einen Westtunnel verzweigt. Von dieser Verzweigung an, die direkt unter der Straßenführung Unter den Linden gelegen ist, gab es 2 Geleise pro Tunnelstrang, für jede Fahrtrichtung eine. Beide Tunnel münden nördlich in einen breiten Raum mit ehemals vier Geleisen – das heutige Kulissenlager des Maxim-Gorki-Theaters.
Der Lindentunnel wurde nach seiner Schließung vielfältig genutzt: Von Beleuchtungsexperimenten für die von den Nationalsozialisten geplante Kreuzung von Ost-West- und Nord-Süd-Achse, die im Auftrag von Albert Speer durchgeführt wurden, über ein Kulissenlager der Staatsoper und Unterstand der Volkspolizei zu DDR-Zeiten, Ort für Kunstprojekte nach der Wende, bis hin zum heutigen Mahnmal zur Bücherverbrennung und einer Tiefgarage für die Staatsoper.
Nach einer oberirdischen, kurzen Erläuterung von Geschichte und Verlauf des Lindentunnels - also einer klassischen Führung - ging es in den Untergrund.
An der Tunnelverzweigung luden STADTFORSCHER dazu ein, sich auf eine andere Ebene des Tunnels einzustimmen – die Tunnelikonographie – denn die dichter werdende Atmosphäre evoziert an dieser Stelle einen Paradigmenwechsel.
Was verbindet man mit einem Tunnel im Allgemeinen? Eine Röhre unterhalb der Erdoberfläche, d.h. ein geologisches Material durchdringend, die dazu dient, ein Wegesystem zu schaffen, das die Erreichbarkeit eines Zieles auf kürzerer Strecke anbietet oder das überhaupt erst eine Passierbarkeit ermöglicht, wie bei einem Untertage- oder einem Fluchttunnel.
Emotional erwartet man eine dunkle fensterlose Röhre, die zur Passierbarkeit durch künstliches Licht mäßig erhellt ist. Zum Ausgang des Tunnels hin nimmt man eine Aufhellung durch das Tageslicht war. Angstgefühle und Ausgeliefertsein können aufgrund des begrenzten Raumes und der Dunkelheit aufkommen. Parallel dazu kann das durch helles Tageslicht sichtbare Ende des Tunnels als Befreiung wahrgenommen werden. Im Sprachgebrauch hat sich daraus „Licht am Ende des Tunnels erblicken“ heraus gebildet – als Synonym für eine schwierige Situation, deren Überwindung kurz bevor steht.
Die Besucher wurden nun aufgefordert, den Raum des Osttunnels selbst zu entdecken: Nach der inhaltlich-ikonographischen Vorbereitung lud eine Installation dazu ein, die Atmosphäre des Raumes zu erleben und mit den geschichtlichen Spuren und akustischen Qualitäten in Einklang zu bringen.